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Vornehmer
Kung Fu-Fan :
Von angesehener Familie stammend und als reicher
Eigentümer einer großen Farm sowie einer ganzen
Straße mitsamt ihren Häusern hätte Yip Man
das behütete und verwöhnte Leben eines jungen
Landedelmannes führen können, der seine Hände
nicht schmutzig zu machen braucht. Aber zur Überraschung
seiner Umwelt entwickelte er schon früh eine
Liebe für die Kunst des Kämpfens.
(Anzumerken ist, dass es für einen gebildeten Chinesen durchaus
nicht standesgemäß war oder ist, Kung-Fu als Hobby zu wählen.
Ebenso wie im Westen Boxen oder Ringen galt dies als Zeitvertreib
der unteren Schichten. Erst im Westen konnte z.B. asiatische Kampfkunst
verbrämt und häufig aufgewertet durch Pseudo-Philosophie junge
Intellektuelle anziehen. Im Gegensatz zum Karate, das in Japan
und im Westen an den Universitäten betrieben wird, so dass Studenten
und Akademiker damit schon früh in Berührung kommen, blieb chinesisches
Kung-Fu eine Freizeitbeschäftigung der Arbeiterklasse, die zwar
die besseren Kämpfer stellt, aber natürlich keine theoretisch
geschulten Lehrer. So ergibt es sich, dass die meisten Wing Tsun-Lehrer
etwa Kellner und Köche waren oder sind, die die Theorie weder
verstanden haben, noch an ihre Schüler weitervermitteln konnten.
Yip Man war eine glückliche Ausnahme.) Im Alter von 11 Jahren
erhielt er bereits Kung-Fu-Unterricht von Chan Wah Shun (Wah der
Geldwechsler), einem Lieblingsschüler von Großmeister Leung Jan
in Fatshan aus der Provinz Kwangtung. Wah der Geldwechsler besaß
keine eigenen Unterrichtsräume für seine Kung-Fu-Schule, sondern
mietete im Bedarfsfall Räumlichkeiten an. Nun ergab es sich, dass
Yip Mans Vater so freundlich gewesen war, ihm den alten Familientempel
des Yip-Clans zur Verfügung zu stellen. Leider hatte Wah nur wenig
Schüler aufgrund des hohen Schulgeldes von monatlich 3 Tael Silber.
Als Sohn des Vermieters kam Yip Man natürlich leicht in Kontakt
mit Chan Wah Shun. Wahs Technik hatte es Yip Man angetan, so dass
er beschloss, Wing Tsun von ihm zu lernen. Eines Tages brachte
der junge Yip Man dem völlig überraschten Chan Wah Shun die drei
Tael Silber und bat um Aufnahme in Chans Schule.
Wah war aber misstrauisch und fragte sich, wo der Junge wohl soviel
Geld herhaben mochte. Als er sich bei Yips Vater erkundigte, erfuhr
er, dass der Junge seine Spardose dafür geplündert hatte. Gerührt
von Yip Mans Entschlusskraft, Wing Tsun lernen zu wollen, akzeptierte
Wah ihn schließlich doch als Schüler, unterrichtete ihn aber nur
halbherzig und nicht sehr ernsthaft, da er Yip Man für einen jungen
Gentleman hielt, der für die Kampfkunst eigentlich zu zart war.
Dennoch gelang es Yip Man, mit Hilfe seiner Intelligenz und unterstützt
von seinen älteren Kung-Fu-Brüdern (Si-Hings) eine Menge zu lernen.
So konnte er endlich auch Wahs Vorurteil ihm gegenüber abbauen,
so dass Wah ihn wirklich unterrichtete. Während seiner 36-jährigen
Unterrichtszeit hatte Wah insgesamt nur 16 Schüler gehabt, seinen
eigenen Sohn Chan Yu Min mitgerechnet. Von allen diesen Schülern
war Yip Man der jüngste. Als Wah der Geldwechsler starb, war Yip
Man 16 Jahre alt. Im selben Jahr verließ Yip Fatshan, um in Hongkong
am St. Stephen's College zu studieren.
Glück oder Pech?
Es gab ein Ereignis in Yip Mans Studienzeit in Hongkong, das er
niemals vergessen sollte. Eine enttäuschende Niederlage, die
sich dann schließlich als wahrer Glücksfall entpuppen sollte.
Dadurch, dass er einen Kampf verlor, konnte er den Gipfel seiner
Kung-Fu-Karriere erklimmen. Yip Man war sehr aktiv am studentischen
Leben beteiligt. So ergab es sich auch, dass Yip Man verschiedene
Kämpfe gegen europäische Kommilitonen klar gewann, obwohl er
viel kleiner als diese war. Später gab er zu, dass er damals
zu arrogant und selbstsicher war.
Eines Tages sprach ein Kamerad namens Lai Yip Man an: "In unserer
Firma gibt es einen Kung-Fu-Mann von über 50 Jahren. Er ist ein
Freund meines Vaters. Würdest du dich trauen, ein paar Bewegungen
mit ihm zu machen?" Yip Man, ein selbstbewusster junger Mann,
der Niederlagen nicht kannte und sich vor niemandem fürchtete,
nahm die Herausforderung sofort an und willigte ein, den Mann
zu treffen. Am vereinbarten Tag brachte ihn sein Klassenkamerad
zu einer Seidenfirma in der Jervois Street, wo der ältere Mann
auf ihn wartete. Er wurde ihm als Herr Leung vorgestellt und sprach:
"Du bist also ein Schüler des ehrenwerten Meisters Chan Wah Shun
aus Fatshan. Du bist noch jung. Was hast du von deinem Si-Fu gelernt?
Bist du schon mit der Cham-Kiu-Form fertig?" Yip Man war aber
so begierig mit dem Kampf endlich anzufangen, dass er dem Mann
gar nicht richtig zuhörte und statt dessen nur irgendwelche unverbindlichen
Worte von sich gab, während er sich seines langen Gewandes entledigte
und zum Kampf fertig machte. In diesem Augenblick sagte der Mann
lächelnd, dass Yip Man jeden Teil seines Körpers angreifen könne
und dass er selbst sich auf die reine Abwehr beschränken werde
und auf Gegenangriffe verzichte. Er werde Yip Man auf gar keinen
Fall verletzen. Durch all dieses wurde Yip Man nur noch wütender.
Dennoch griff er ruhig und besonnen an. Aber der ältere Mann konnte
selbst seine stärksten Angriffe leicht und beinahe lässig abwehren.
Wiederholt landete Yip Man auch auf dem Boden. Er stand immer
wieder auf, versuchte einen anderen Angriff, um am Ende herauszufinden,
dass er keine Chance hatte. Später erkannte er, dass der ältere
Mann Leung Bik war, der jüngste Sohn Grossmeister Leung Jans aus
Fatshan, des Si-Fus von Chan Wah Shun (der Geldwechsler). Und
wir erinnern uns, dass Chan Wah Shun der Lehrer Yip Mans gewesen
war. Das bedeutet, dass der ältere Mann in Wirklichkeit der Kung-Fu-Bruder
von Yip Mans väterlichem Lehrer (Si-Fu) war, also einer höheren
Generation als seiner angehörte, so dass Yip Man ihn eigentlich
mit "Onkel" anzusprechen hatte. Wenn Yip Man am Anfang ihrer Begegnung,
als Leung Bik ihn daraufhin befrage, nicht zu eingebildet gewesen
wäre, hatte er diese verwandtschaftliche Beziehung gleich erkannt.
Sobald Yip Man dieser Tatsache aber verstanden hatte, kam Yip
Man, dessen Si-Fu nicht mehr lebte, der Gedanke, seine Studien
unter Leung Bik fortzusetzen.
Diese Gelegenheit durfte er nicht ungenutzt lassen. Leung Bik
seinerseits hatte das Potential dieses jungen Mannes erkannt,
dem es nur an entsprechendem Unterricht und an Erfahrung mangelte.
So versprach Leung Bik Yip Man, ihn im WingTsun zu unterrichten.
Seitdem folgte Yip Man Leung Bik viele Jahre lang und lernte alle
Geheimnisse des WingTsun. Im Alter von 24 Jahren kehrte Yip Man
dann als wahrer Meister des WingTsun in seine Heimatstadt Fatshan
zurück.
Zurück in Fatshan :
Wieder in Fatshan führte Yip Man das unbeschwerte und
angenehme Leben eines reichen Sohnes, der sich keine Sorgen
zu machen brauchte. So hatte er viel Zeit, mit seinem Si-Hing
Ng Chung So und dessen Schüler Yuen Kay Shan Wing Tsun zu praktizieren,
so dass er immer besser wurde. Yuen Kay Shan hatte den Spitznamen
"Yuen der Fünfte", weil er der fünfte Sohn seines Vaters war.
Deshalb nannten ihn alle Leute in Fatshan so, und seinen richtigen
Namen kannte bald keiner mehr. Obwohl Yuen der Fünfte in Wirklichkeit
ein paar Jahre älter war als Yip Man, galt er in der chinesischen
Kung-Fu-Terminologie als "Neffe" (Si-Djuk), da Yip Man einer höheren
Kung-Fu-Generation angehörte, das heißt, schon früher mit dem
Wing Tsun begonnen hatte. Aber da sie auch viel privaten Kontakt
hatten, vergaßen sie (für die chinesische Tradition ungewöhnlicherweise)
die Kluft zwischen ihren Generationen und wurden gute Freunde.
In Fatshan stellte Yip Man eine aufschlussreiche, aber auch irgendwie
beunruhigende Tatsache fest: Er war viel besser geworden als seine
älteren Kollegen (Si-Hings). Dies blieb auch seinen älteren Mitschülern
nicht verborgen, die sich beklagten, dass er etwas gelernt habe,
was ihr gemeinsamer Meister Chan Wah Shun nicht unterrichtet hatte.
Aus diesem Grunde beschuldigten ihn besonders die, die er besiegt
hatte, von der "wahren Lehre" des Wing Tsun abgewichen zu sein,
also kein "richtiges Wing Tsun" mehr zu betreiben. (Kurioserweise
wurden Leung Ting, der die "weiche Technik" als Privatschüler
von Yip Man persönlich erlernte, später dieselben Vorwürfe gemacht).
Darüber hinaus gab es viele Auseinandersetzungen zwischen Yip
Man und seinen Si-Hings. Glücklicherweise konnte Ng Chung So seinen
Kollegen den Sachverhalt verständlich machen. Er verriet ihnen,
dass ihr Si-Fu, Chan Wah Shun, obwohl er selbst ein großer Könner
war, ihnen vieles, was er selbst praktisch beherrschte, nicht
beibringen konnte, weil er keine wissenschaftliche Vorbildung
hatte, um ihnen die komplexe Theorie des Wing Tsun darzulegen.
Leung Bik, der Sohn ihres Kung-Fu-Großvaters (Si-Gung) dagegen,
war nicht nur ein Wing Tsun-Experte, sondern darüber hinaus ein
Gelehrter. Deshalb konnte er Yip Man die wichtige Theorie des
Wing Tsun genaustens erklären. (Hier gilt als Parallele anzumerken,
dass z.B. fast alle bekannten Veröffentlichungen über Yip Mans
Kampfkunst zwar das Einhalten der "Zentrallinie" als das Wichtigste
bezeichnen, aber offenbar niemand ausserhalb der Leung Ting-Schule
diese richtig definieren kann.) Hier lag der Unterschied zwischen
Yip Man und seinen älteren Kollegen begründet.
Mit den Fingern die
Revolvertrommel herausgerissen :
Yip Man war nicht an Ruhm oder Reichtum interessiert,
und niemals gab er mit seinem Können vor anderen Leuten an.
Dennoch gibt es ein oder zwei interessante Geschichten über
ihn, die von Augenzeugen – möglicherweise nicht frei von Übertreibungen
– berichtet wurden. Einmal im Jahr fand traditionsgemäss eine
Art Umzug in Fatshan statt, an der alle reichen Kaufleute, Industrielle
und sonstwie bedeutende Personen der Stadt teilnahmen.
Einem solchen Umzug sah auch Yip Man mit einigen jungen Damen
zu. Nicht weit von ihnen stand ein Soldat. Yip Man hatte zu diesem
Zeitpunkt etwas gegen Soldaten im allgemeinen. Denn wer damals
Soldat wurde, war entweder ein Herumtreiber oder ein Bandit. Ordentliche
junge Leute gehen nicht zu den Soldaten, lautete damals ein gängiges
Sprichwort. Yip Mans Begleiterinnen waren sehr elegant gekleidet,
und ihre Schönheit und ihr vornehmes Benehmen lenkten die Aufmerksamkeit
dieses Soldaten auf sie. Yip Man missfiel sehr, wie dieser Soldat
sich den Damen näherte und sie in beleidigender Weise ansprach.
Yip Man hielt ihm deshalb seine schlechten Manieren vor, was zu
einer lauten Auseinandersetzung führte. Als der Soldat zu seiner
Überraschung merkte, dass Yip Man ganz und gar kein schwächlicher
Stubengelehrter war, wurde er noch wütender, zog seinen Revolver
und hob ihn, um ihn auf Yip Man zu richten. Yip Man zögerte keinen
Augenblick. Er schlug den Waffenarm zur Seite, ergriff die Pistole
und riss mit kräftigen Fingern die Trommel aus dem Revolver. Bevor
sich der Soldat von seinem Schreck erholten konnte, war Yip Man
mit seinen Begleiterinnen verschwunden.
K.o. in der ersten Minute
:
Ein Boxer namens Kann Shan Mao aus der Kianghsi-Provinz
in Nordchina kam nach Fatshan, um sich als Lehrer bei der Ching
Wu Athletic Association von Fatshan zu bewerben. Er brüstete
sich mit seinem Können und äußerte sich abfällig und in beleidigender
Weise über den Standard der Kung Fu-Leute in Fatshan.
Deshalb wollten die Direktoren der Ching Wu Athletic Association
ihm die Stellung auch nicht mehr geben. Stattdessen lud man ihn
ein, bei einer Wettkampfveranstaltung im Fatshan-Theater gegen
den berühmten Yip Man zu kämpfen. Yip Man war wohl selbst vorher
nicht gefragt worden, jedenfalls weigerte er sich zunächst, mit
diesem Mann öffentlich zu kämpfen. Erst als Lee Kwong Hot, ein
berühmter Kräuterarzt aus Fatshan, ihn inständig darum bat, sagte
er widerwillig zu. Am Kampftag war das Theater gefüllt von Schaulustigen.
Zur Enttäuschung aller, die einen langen und abwechslungsreichen
Kampf erwartet hatten, schlug Yip Man seinen Gegner innerhalb
der ersten Minute K.o. So erklärte der Kampfrichter, Tam Sheung
Chi, ihn zum klaren Gewinner. Die Zuschauer waren über die Kürze
des Kampfes so enttäuscht und wütend, dass ein lauter Tumult ausbrach,
den der Veranstalter nur dadurch beenden konnte, dass er als Ersatz
weitere – sofort folgende – spannende Wettkämpfe mit anderen Boxern
ankündigte. Wing-Tzun gegen das Phönix-Auge Den zweiten Kampf,
den Yip Man im Namen der Kung-Fu-Leute aus Fatshan lieferte, war
ein Zweikampf zwischen ihm und einem Schauspieler der Roten Dschunke,
dessen Schauspieltruppe gerade Fatshan bereiste. In der vorstellungsfreien
Zeit besuchte der Schauspieler eine berühmte Opiumhöhle, wie sie
damals in Fatshan durchaus legal und üblich waren. Dort gab er
mit seinem Kung-Fu-Kenntnissen an. Einmal demonstrierte er sogar
seine Phönix-Augen-Faust, indem er ein Loch in die Wand schlug.
In diesem Etablissement traf er mit Yip Man zusammen. Er war so
überzeugt von seinem Können, dass er unbedingt mit Yip Man kämpfen
wollte, was Yip Man aber ablehnte. Wären die Zuschauer nicht gewesen,
hätte der Kampf auch nie stattgefunden. Zu deren Überraschung
schlug Yip Man seinen Herausforderer mit einem Schlag zu Boden,
wo der mit blutender Nase liegenblieb. Die Zuschauer jubelten
Yip Man zu und fragten ich, wie er so schnell siegen konnte. Yip
Man erklärte ihnen, dass der Mann zwar einen sehr starken Schlag
besaß, seine Technik aber in einem richtigen Kampf nicht einzusetzen
wusste, so dass er verlieren musste.
Ein Kampf für Charlie
Wan :
In Fatshan gab es einen Freund von Yip Man, den man Charlie Wan
nannte und der dringend eine größere Geldsumme benötigte. Charlie
Wan war ein Kämpfer des Choy-Lee-Fut-Stiles, der als praktische
Kampfmethode bekannt ist, sich aber technisch erheblich vom Wing
Tsun unterscheidet.
Obwohl sie Freunde waren, stellten sie nie Vergleiche zwischen
ihren Kampfstilen an oder sprachen in irgendeiner Weise darüber.
Das machte die Einwohner Fatshans neugierig, wer von ihnen der
bessere Kämpfer sei. So wollte man einen öffentlichen Kampf ausrichten,
wobei die Einnahmen aus den Eintrittsgebühren Charlie Wan zukommen
sollten, der das Geld dringend brauchte. Charlie Wan war zuerst
dagegen, weil er befürchtete, dass dadurch seine Freundschaft
mit Yip Man belastet werden könnte. Aber seine finanzielle Situation
war so schlimm, dass er schließlich doch einverstanden war, vorausgesetzt,
dass sich ein Vermittler dafür findet. Diese Rolle – sowie die
des Veranstalters und Kampfrichter – übernahm Lee Kwong Hoi. Yip
Man hatte überhaupt keine Einwände, sondern sah nur die finanziellen
Vorteile für seinen Freund und die Werbewirkung für die Kampfkunst
überhaupt. Um den Showkampf noch spektakulärer und attraktiver
zu gestalten, wollte Yip Man sogar mit verbundenen Augen antreten.
Dadurch wurde das Interesse der Öffentlichkeit natürlich noch
um einiges größer, und jeder wollte erleben, wie dieser Mann,
der Kam San Mao in der ersten Minute ausgeknocked hatte, blind
kämpfen konnte. Einige jedoch fürchteten, dass Yip Mans Chance
sehr gering war. (Es wird darauf hingewiesen, dass gerade der
Choy Lee-Fut-Stil über viele Angriffe verfügt, die nicht über
die Mitte von vorne, sondern schwingrig und kreisförmig von der
Seite kommen, wodurch sie vom Verteidiger auch optisches Reagieren
verlangen. Das Reagieren auf taktile Reize – wie sonst im Wing
Tsun gegenüber zentralen Angriffen üblich – der Leser sei auf
das Buch Vom Zweikampf von Keith R. Kernsprecht verwiesen – greift
hier in der Regel nicht, es sei denn, es besteht schon Körperkontakt).
Am Kampftag stürmten die Schaulustigen die Arena. Auf das Zeichen
vom Kampfrichtern, Lee Kwong Hi, begannen die zwei Kämpfer. Charlie
Wan ging sofort in die Offensive, während Yip Man – mit verbundenen
Augen – schnell den Kontakt mit dem Gegner suchte, damit ihm seine
Arme die Absicht des Gegners mitteilen konnten. Obwohl Charlie
Wans Angriffe mit wilder Kraft ausgeführt waren, wurde Yip Man
nicht getroffen. Er konnte den Angreifer sogar trotz seiner Augenbinde
oft verfolgen und Gegenangriffe anbringen. In dieser Weise lieferten
sie sich zur Begeisterung der Zuschauer einen immer erhitzter
und verbissener werdenden Kampf, bei dem keiner nachbeben wollte.
Schließlich brach der kluge Lee Kwong Hoi von sich aus den Kampf
ab und erklärte ihn für unentschieden, da er befürchten musste,
dass sonst einer der beiden Kämpfer ernsthaft verletzt würde.
Diese weise Entscheidung wurde von allen Zuschauern mit johlender
Zustimmung aufgenommen.
Der unbewegliche Stand
:
Als Yip Man in Fatshan lebte, arbeitete er eine zeitlang als Captain
der Kriminalpolizei. Da kamen ihm seine Wing Tsun-Kenntnisse
oft zu Hilfe und retteten ihm sogar mehr als einmal sein Leben.Eine
Geschichte erzählt man sich immer wieder. Bei einem Gespräch über
Kung Fu gab Yip Man von der Unterhaltung angeregt, eine Probe
seines Könnens: Er nahm den typischen Wing Tsun-Vorkampfstand
eine, bei dem man die Knie gegeneinander spannt. Dann forderte
er vier starke Männer – jeweils zwei links und zwei rechts von
ihm – auf, seine Beine auseinanderzureissen. Zur Überraschung
aller Zuschauer konnten die vier kräftigen Männer Yips Beine kein
bißchen bewegen.
Yip Man wollte nicht
unterrichten :
So wurde Yip Man in den letzten zehn Jahren als Fatshans
größter Kampfkunst-Experte berühmt. Aber er hatte niemals die
geringste Absicht, sein Wissen weiterzugeben und Schüler zu unterrichten.
Er beherzigte immer das ursprüngliche Verbot, dass Wing Tsun nach
dem Willen seiner Gründerin nicht verbreitet werden soll. Deshalb
unterrichtete er nicht einmal seine Söhne. Für ihn war Wing Tsun
eine wirklich tödliche Methode innerhalb der Kampfkünste. Je mehr
er sich ins Wing Tsun vertiefte, desto mehr Bewunderung gewann
er für den praktischen Wert dieses Selbstverteidigungssystems.
Deshalb hätte er es sich damals auch nicht vorstellen können,
einmal selbst Leute in dieser Kunst zu unterrichten. Im 2. Weltkrieg,
als der größte Teil Chinas von den Japanern kontrolliert wurde,
wurde Yip Mans Farmland unbrauchbar gemacht und sein Leben wurde
schwer. Sobald die japanischen Truppen in Fatshan ankamen, hörten
sie von Yip Mans Ruhm als Kampfkunstexperte, und sie wollten ihn
als Ausbilder für Selbstverteidigung einstellen. Aber Yip Mans
Patriotismus und sein Hass auf die ausländischen Eindringlinge
war zu stark, so dass er ablehnte. Nach dem Krieg zog Yip Man
mit seiner Familie nach Hongkong. Seine Selbstachtung und sein
Eigensinn sowie die Tatsache, dass er von einer reichen Familie
kam, machten es ihm sehr schwer, einen geeigneten Job zu finden.
Deshalb musste er sich mit einem Leben in Armut zufrieden geben.
Rückzug ins Privatleben
:
Als letzte Maßnahme, um Wing Tsun zu fördern, gründete Yip Man
1967 mit Hilfe seiner Schüler die "Hong Kong Ving Tsun Athletic
Association". Zwei Jahre später, also 1969, schickte dieser Verband
ein Team von Kämpfern zum First South East Asia Kung-Fu-Tournament,
das in Singapore veranstaltet wurde.
Danach fand man ihn üblicherweise morgens, nachmittags und sogar
abends im Teehaus, wo er viel mit seinen Schülern scherzte und
sich ganz und dar nicht wir ihr Meister aufführte. "Weshalb soll
ich mich selbst so wichtig nehmen und mir auf meine Position etwas
einbilden?" war seine Philosophie. "Die anderen Leute sollen darüber
entscheiden, ob ich etwas geleistet habe." Zwischen 1970 uns 1971
wurde Bruce Lee, einer von Yip Mans Schülern, ein berühmter Film-Superstar.
Obwohl Lee als Begründer seines eigenen Stiles, Jeet Kune Do,
bekannt geworden ist, wussten doch viele Leute, dass er eigentlich
ein Schüler Yip Mans gewesen war. Dennoch zeigte Yip Man niemals
Stolz darüber, dass dieser Superstar sein Schüler gewesen war.
Wenn ihn Leute deshalb rühmten, lächelte er nur. Selbst wenn Leute
falsche Behauptungen über die Theorie des Wing Tsun in die Welt
setzten, korrigierte er sie nur selten. Wahr bleibt wahr, und
Yip Man blieb Yip Man. Und ob er nun Lehrer von Bruce Lee war
oder nicht, ob manche Leute die Theorie des Wing Tsun irrtümlich
darstellten oder nicht, was änderte das an der Wahrheit? Großmeister
für alle Ewigkeit 1972 hatte das Schicksal den sorglosen alten
Mann eingeholt. Er bot eine Bild von körperlichem Verfall und
zunehmender Schwäche. Eine ärztliche Untersuchung ergab die Diagnose
Kehlkopfkrebs. Dennoch bekämpfte er die Krankheit optimistisch
und mit grosser Willenskraft. Er ging weiterhin ins Teehaus und
dinierte abends mit seinen Schülern. Niemals hörten seine Schüler
ihn klagen, denn er wollte ihr Mitleid nicht und sah seinem Ende
gefasst entgegen. Eines Tages bei einem Krankenhausaufenthalt
teilte ihm der Arzt, auch einer seiner Schüler, mit, dass sein
Ende unmittelbar bevorstand. Aber Yip Man konnte den Tod noch
ein letztes Mal abwehren und kehrte nach einer Woche gekräftigt
nach Hause zurück. Aber dieser Sieg war nur von kurzer Dauer.
Am 2. Dezember 1972 starb Yip Man, der letzte Großmeister des
gesamten Wing Tsun-Stiles. Er hinterließ uns ein geniales Kampfsystem
und viele faszinierende Anekdoten.
Großmeister Yip Man
und Bruce Lee :
Unter den Schülern Yip Mans war Bruce Lee einer der bekanntesten.
Bruce Lee traf Großmeister Yip Man in Hongkong, als er das St.
Francis College besuchte. Bruce Lees Vater, Lee Hoi Chuen, war
ein guter Freund Yip Mans. Beide waren Flüchtlinge aus Fatshan.
Weil Bruce Lees Vater und Yip Man sich so gut verstanden und Bruce
Lee soviel Ehrgeiz und Fleiß beim Studium der Kampfkunst zeigte,
gab Großmeister Yip sich beim Unterricht von Bruce Lee besondere
Mühe. Aber nach knapp drei Jahren konnte Bruce Lee seine Wing
Tsun-Lektionen nicht mehr fortsetzen, denn er musste Hongkong
verlassen, um in Amerika ein akademisches Studium zu beginnen.
Bruce Lees Abschied von Großmeister Yip Man machte keinesfalls
den Eindruck einer endgültigen Trennung von Schüler und Meister.
Aber es gab schon Anzeichen von Missstimmung. Yip Man ermahnte
Bruce Lee vor dessen Abreise, dass Kung Fu zu den höchsten chinesischen
Künsten zählte, dass Chinesen diese Techniken für sich behalten
müssen, um sich zu verteidigen und die Gesundheit zu erhalten.
Und dass deshalb die Techniken des chinesischen Kung Fu Ausländern
nicht ohne Vorbehalt gezeigt werden sollten. Bruce Lee versprach
sich daran zu halten, aber sobald er in Amerika ankam, eröffnete
er eine Kampfschule, nahm ausländische Schüler an und brachte
ihnen Wing Tsun-Techniken bei. Großmeister Yip Man war darüber
sehr erstaunt und enttäuscht.
Bruce Lees Ehrgeiz
Im Sommer des Jahres 1965 kehrte Bruce Lee mit seiner Frau und
seinem Sohn von Amerika nach Hongkong zurück. Er stattete seinem
Meister einen Besuch ab und bat ihn, ihm den letzten Teil der
Wing Tsun-Holzpuppentechniken, den Bruce Lee noch nicht gelernt
hatte, zu zeigen. Weiterhin bat er Yip Man um Erlaubnis, einen
8mm Film drehen zu dürfen mit Yip Man, der die Siu Nim Tau-Form
demonstriert. Er benötigte diesen Film für seinen eigenen Unterricht
in Amerika. Als Gegenleistung bot er Großmeister Yip Man an, ihm
eine neue Eigentumswohnung zu kaufen. Bruce Lee machte jedoch
einen großen Fehler. Dadurch, dass er zuviel von Geld sprach,
verletzte er die Gefühle seines Lehrmeisters! Deshalb wies ihn
Großmeister Yip Man ab: "Ich kann dir das nicht zusagen. Denn
du bist nicht mein einziger Schüler, und ich habe niemals irgendeinem
Schüler solche Zusicherungen gemacht. Was sollte ich den anderen
sagen, wenn ich dein Angebot annähme?" Nach dieser Zurückweisung
durch Yip Man wandte sich Bruce Lee an dessen älteren Sohn um
Hilfe. Der aber soll ihm nach eigenen Angaben gesagt haben. "Es
ist wahr, dass wir in Armut und Not leben, seit wir vor zehn Jahren
nach Hongkong kamen. Wir haben nicht einmal ein Haus, um darin
zu wohnen. Dein Angebot, uns eine Eigentumswohnung zu geben, würde
unsere Not natürlich lindern. Aber es gibt noch Wichtigeres im
Leben des Menschen als ein bequemes Leben und Materielle Dinge,
und mein Vater hat einen starken Willen und sein Urteil ist unabänderlich.
Das wissen wir beide sehr gut. Wenn er dein Angebot ablehnte,
kann ich ihn nicht umstimmen."
WingTsun und Jeet Kune Do
Verdrossen kehrte Bruce Lee nach Amerika zurück. Er unterrichtete
nun kein Wing Tsun mehr, denn er war sich darüber im klaren, dass
er niemals der erste Mann im Wing Tsun werden könnte. Um seine
Karriere fortsetzen zu können, musste er einen neuen Stil gründen,
dessen Schöpfer er selbst war. So nannte er nun die Techniken,
die er seinen Schülern beibrachte, Jeet Kune Do. In Wirklichkeit
jedoch handelte es sich bei seinen Jeet Kune Do-Techniken hauptsächlich
um Wing Tsun-Techniken kombiniert mit Taekwon-Do und Karate, etwas
westlichem Boxen, Judo, nördlichem Gottesanbeterin-Kung-Fu usw..
Seine Theorien, die er in Zeitschriften, Büchern und Magazinen
verbreitete, waren hauptsächlich die Theorien des WingTsun zusammen
mit chinesischen Philosophien wie dem Taoismus. Dazu kamen noch
Gedanken aus dem westlichen Boxen oder Judo. Als Bruce Lee wegen
seines Jeet Kune Do berühmt wurde, sprach Yip Man nicht mehr über
Bruce Lee. Er sah es auch nicht gerne, wenn andere in seiner Gegenwart
Bruce Lee erwähnten. In der Tat hatte die Missstimmung zwischen
Yip Man und Bruce Lee ihre Ursache darin, dass beide völlig anders
aufgewachsen und erzogen waren. Ihre Lebensanschauungen waren
zu unterschiedlich. Yip Man war traditionell chinesisch erzogen
worden und war ein Anhänger des Konfuzianismus. Er liebte die
chinesische Kultur sehr. Er war streng und willensstark und konnte
Schicksalsschläge ertragen. Obwohl er als Polizeioffizier und
Kung-Fu-Lehrer stets arm war, war er zufrieden und akzeptierte
dieses Leben. Bruce Lee jedoch wurde schon in einer englischen
Schule in Hongkong erzogen, bevor er sein Philosophie-Studium
in den USA antrat. Für ihn waren praktische und materielle Dinge
von größter Bedeutung. Sein ganzes Leben lang kämpfte er um Ruhm
und Reichtum. Er erreichte beides, aber konnte nichts davon mitnehmen,
als er starb.
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